Genuss oder Arznei

Gabriele Oppermann • 27. Dezember 2025

Die feine Grenze zwischen Würzen, Wirken und Überwirken

Kennen Sie das Gefühl, immer mehr mit Ingwer, Kurkuma oder Ashwagandha "gesund leben" zu wollen - aber nach anfänglichem Erfolg  fühlen Sie sich zunehmend unruhig oder überreizt? Hier finden Sie die Antwort und einige Tipps.


Kräuter und Gewürze sind aus unserer Küche nicht wegzudenken. Sie verleihen Speisen Geschmack, Wärme und Charakter. Rosmarin zu Kartoffeln, Salbei zur Pasta, Zimt im Frühstück, Ingwer im Tee – was gut schmeckt, gilt automatisch als gesund. In den letzten Jahren hat sich dieser Gedanke noch verstärkt: Immer mehr Menschen nutzen Kräuter und Gewürze bewusst mit dem Anspruch, ihrer Gesundheit etwas Gutes zu tun.


Doch genau hier lohnt sich ein genauerer Blick. Denn viele Pflanzen, die wir ganz selbstverständlich verwenden, sind nicht nur Aromageber. Sie sind wirksame Pflanzenstoffe, die in den Stoffwechsel, den Kreislauf, das Nervensystem oder Entzündungsprozesse eingreifen. Und was wirkt, ist nicht automatisch harmlos – vor allem nicht bei dauerhafter Anwendung.

In der traditionellen Pflanzenheilkunde wurden Kräuter nie beiläufig eingesetzt. Sie wurden gezielt verwendet, zeitlich begrenzt und immer angepasst an den Zustand des Menschen. Heute dagegen verschwimmen die Grenzen: Küchenkräuter werden wie Heilmittel genutzt, Heilpflanzen wie Lebensmittel konsumiert. Dabei gerät ein zentrales Prinzip aus dem Blick – der Körper braucht Pausen.


Sind klassische Küchenkräuter harmlos?

Küchenkräuter wie Rosmarin oder Salbei gelten als unproblematisch, wirken aber anregend, durchblutungsfördernd und stoffwechselaktivierend. In kleinen Mengen und nicht täglich eingesetzt, können sie sehr wohltuend sein. Werden sie jedoch dauerhaft und ohne Unterbrechung verwendet, kann genau diese Wirkung zu viel werden. Innere Unruhe, trockene Schleimhäute oder eine Überstimulation des Nervensystems sind mögliche Folgen.


Voll im Trend und überall drin

Ähnlich verhält es sich mit Gewürzen wie Ingwer oder Kurkuma. Beide gelten als besonders gesund und werden oft täglich eingesetzt. Ingwer wirkt stark anregend, schleimlösend und erhitzend, Kurkuma beeinflusst Entzündungsprozesse, Galle und Stoffwechsel. Beim gezielten Einsatz können sie unterstützen. Beim gesunden Menschen jedoch kann der dauerhafte Konsum Prozesse fördern, die der Körper gar nicht braucht – etwa Reizungen, Entzündungen oder ein inneres Ungleichgewicht. Nicht das Gewürz ist das Problem, sondern die fehlende Pause.


Die Superpflanze gegen Schlafstörungen - Ashwagandha

Ein besonders deutliches Beispiel für diesen Trend ist Ashwagandha. Ähnlich wie Kurkuma hat sich Ashwagandha zu einem echten Kultkraut entwickelt. Es wird häufig zur Stressreduktion und für besseren Schlaf eingesetzt. Kurzzeitig angewendet kann es beruhigend wirken und den Blutdruck senken. Bei dauerhafter Anwendung jedoch – vor allem bei Menschen ohne Bluthochdruck – kann es zu einer Hypotonie, also zu niedrigem Blutdruck, kommen.


Die Folgen werden oft nicht sofort erkannt oder mit dem Kraut in Verbindung gebracht: Müdigkeit, Schwindel, innere Unruhe – und paradoxerweise ein unruhiger Schlaf, obwohl Ashwagandha ursprünglich genau dafür eingenommen wurde. Ein dauerhaft zu niedriger Blutdruck kann die Sauerstoffversorgung des Körpers beeinträchtigen, worauf der Organismus mit Stressreaktionen reagiert, besonders nachts.


Das typische Küchenkraut - Petersilie

Auch ganz alltägliche Kräuter wie Petersilie zeigen, warum Maß und Rhythmus wichtig sind. Petersilie enthält unter anderem Vitamin K sowie relevante Mengen Kalium. Beides ist grundsätzlich wertvoll, kann bei dauerhaft sehr hohen Mengen jedoch unerwünschte Effekte haben. Vitamin K beeinflusst die Blutgerinnung, Kalium spielt eine zentrale Rolle in der Reizleitung des Herzens. Bei empfindlichen Menschen oder bei eingeschränkter Nierenfunktion können hier bei dauerhaftem Übermaß Herzrhythmusstörungen begünstigt werden. Auch hier gilt: Petersilie ist kein Problem – die Menge und die Dauer machen den Unterschied.


Dieses Prinzip zieht sich durch alle Kräuter und Gewürze. Der Körper gewöhnt sich an Reize – auch an natürliche. Was dauerhaft angewendet wird, verliert entweder an Wirkung oder kippt ins Gegenteil. Deshalb gehören Pausen zum verantwortungsvollen Umgang mit pflanzlichen Mitteln dazu.


Kräuter wollen Rhythmus, nicht Routine

Natürliche Produkte sind keine neutralen Lebensmittel. Sie wirken. Und wo Wirkung ist, sind bei Daueranwendung auch Nebenwirkungen möglich. Das bedeutet nicht, dass Kräuter und Gewürze vermieden werden sollten – im Gegenteil. Es bedeutet, sie bewusst zu nutzen, zu wechseln und ihnen Zeiten der Ruhe zu gönnen.

Die entscheidende Frage lautet also nicht: Ist dieses Kraut gesund?
Sondern: Für wen, wie oft und wie lange?


Der bewusster Umgang – kleine Hinweise für den Alltag

Ein achtsamer Umgang mit Kräutern und Gewürzen bedeutet nicht Verzicht, sondern Bewusstsein. Schon kleine Veränderungen im Alltag können helfen, ihre positive Wirkung zu erhalten, ohne den Körper zu überfordern.

Ein guter erster Schritt ist Abwechslung. Wer gerne mit Kräutern kocht, kann regelmäßig wechseln, statt sich täglich auf dieselben Pflanzen zu verlassen. Heute Rosmarin, morgen Thymian, übermorgen etwas ganz anderes – so bleibt die Küche vielfältig und der Körper wird nicht einseitig belastet.


Auch Pausen sind wichtig. Kräuter und Gewürze müssen nicht jeden Tag eingesetzt werden, um wohltuend zu sein. Gerade bei Pflanzen mit spürbarer Wirkung lohnt es sich, sie für einige Tage oder Wochen bewusst wegzulassen. Oft zeigt sich gerade dann, wie stark ihr Einfluss tatsächlich war.


Weniger ist oft mehr

Heilkräuter und Nahrungsergänzungsmittel möglichst gezielt und zeitlich begrenzt eingesetzt werden – nicht als dauerhafte Routine. Treten neue oder unerklärliche Symptome auf, lohnt sich immer die Frage, ob ein Kraut oder Gewürz eine Rolle spielen könnte.


Ein weiterer wichtiger Hinweis ist das eigene Körpergefühl. Nicht jedes Kraut passt zu jedem Menschen. Unruhe, Schlafstörungen, Verdauungsprobleme oder Kreislaufbeschwerden sind keine Zeichen des „Durchhaltens“, sondern Hinweise des Körpers, genauer hinzuschauen oder hinschauen zu lassen.


Und schließlich: Bei Unsicherheiten oder bestehenden Erkrankungen ist eine fachliche Begleitung sinnvoll – besonders dann, wenn Kräuter und Gewürze gezielt als Unterstützung eingesetzt werden sollen.


Kräuter und Gewürze sind wertvolle Begleiter. Richtig eingesetzt, können sie Genuss und Wohlbefinden verbinden. Mit Maß, Rhythmus und Aufmerksamkeit bleiben sie das, was sie sein sollen: eine Unterstützung – keine Belastung.


Ihre Heilpraktikerin

Gabriele Oppermann


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